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08.06.2026

Das weiße Gold

Lindau (Bodensee) - Einst brachte das weiße Gold Wohlstand in die Region: Die Rede ist von Salz. Alle drei Jahre gibt es in Simmerberg ein Fest, das an den historischen Salzzug erinnert. Dazu werden Fuhrwerke und viele Reiter in Weiler-Simmerberg erwartet. Das Heimatkundliche Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau hat Informationen rund um das Thema „Salz“ zusammengestellt.

Was ist Salz?
Unser Koch- und Speisesalz besteht hauptsächlich aus der chemischen Verbindung Natriumchlorid (NaCl). Salz ist lebenswichtig - rund sechs Gramm braucht jeder Mensch täglich. „Der Mensch kann ohne Gold, aber nicht ohne Salz leben“, schrieb der römische Schriftgelehrte Cassiodorus vor mehr als 1500 Jahren. Salz wurde schon von den frühen Hochkulturen wie den Ägyptern, Babyloniern und Sumerern als Gewürz und als Konservierungsmittel für ihre Nahrung verwendet. In der Römerzeit wurden Beamte und Soldaten zum Teil mit Salz bezahlt (salarium). Daher rührt der Begriff „Sold“, dann das eingedeutschte Wort „Salär“.

Woher kam das Salz?
Das Salz für die Region Lindau kam aus Hall in Tirol und aus Reichenhall in Oberbayern.

Wie wurde das Salz transportiert?
In genagelten Fässern, die mit Reifen versehen waren. Teils wurde Salz auch in Säcken transportiert.

Welche Transportwege gab es?
Für den Transport des Hall-Inntalischen Salzes über den Fernpass gab es ab Reutte (Tirol) zwei Hauptstraßen, die „Untere“ und die „Obere Salzstraße“.

Wer hat das Salz transportiert?
Die an den „Salzstraßen“ wohnenden Bauern waren jeweils in eine Liste (lat. Rotula) eingeteilt. Nur an den Tagen, an denen sie die „Rod“ traf, d. h. sie laut Reihenfolge mit dem Salztransport an der Reihe waren, durften die Bauern Salz transportieren. Laut der Simmerberger Salzrodordnung von 1675 war es den „Fuhrleüten streng untersagt, die Fäßlein auf der Straße im Wetter liegen zu lassen und sich in Häusern oder Städeln aufzuhalten“. Ferner sollten die Fuhrleute kein Pferd unter zwei Jahren zur „Fäßlfuhr“ gebrauchen, damit das Salz gut auf der Straße befördert wurde. Wer an Sonn- und Feiertagen Salz lud, sollte exemplarisch bestraft werden.

Fuhrleüte, welche „beim Ab- oder Aufladen gotteslästern, fluchen und schwören“, sollten angezeigt werden, „damit dieselben mit empfindlicher Demonstration angesehen werden“. 1750/51 erkannte Maria Theresia die „Rod“ als Handelshemmnis und hob sie auf. Fortan konnten Händler ihre Transportmittel und -routen frei auswählen. Rodordnungen und -fuhren gab es aber immer noch – meist im Zusammenhang mit Pferdevorspann an steilen Wegstrecken.

Hatten die Fuhrleute eine Art „Heiligtum“?
Bevor die Fuhrleute von Immenstadt kommend ihre Ware im Salzstadel in Simmerberg, der letzten Rodstation vor Lindau, abladen konnten hatten sie eine große Herausforderung vor sich: Sie mussten sie den Hahnenschenkel, benannt nach einer Bauernfamilie, die 1540 urkundlich nachgewiesen ist, überwinden. Diese gefürchtete Steigung verlangte von Mensch und Tier alles ab. Die Sakristeitür der katholischen Filialkirche St. Stephan in Genhofen (Gemeinde Stiefenhofen) ist durch ein im Scheitel aufgesetztes Brett mit der eingeschnitzten Jahreszahl 1566 datiert und auf der Außenseite zwischen horizontalen Bandeisen in mehreren Reihen übereinander mit Hufeisen verschiedener Größen beschlagen, die als Votivgaben zu Ehren des Patrons von Genhofen, des Pferdeheiligen Stephanus, erklärt werden. Friedrich Zollhoefer, erster hauptamtlicher Stadtarchivar in Kempten von 1947 bis 1969, schreibt: „Genhofen, das an der alten Salzstraße von Immenstadt nach Simmerberg lag, dürfte also eine Art Heiligtum der Fuhrleute gewesen sein. In diesem Zusammenhang steht vielleicht auch der auf dem rechten Hochaltarflügel dargestellte h. Eligius, der Patron der Schmiede.“

Was ist ein Salzfactor?
Das waren angesehene selbstständige Unternehmer, die ab 1570 nachgewiesen sind. Sie bekamen das Salz von den Salinen geliefert und kauften es diesen ab, um es an private Händler weiterzuverkaufen.

Wo wurde das Salz auf den Etappen zwischengelagert?
In so genannten Salzstadeln oder Salzlagern, auch Salzrodstätten genannt. Der amtlich aufgestellte Vorstand eines solchen Lagers trug den Titel „Salzfactor“. Auf dem Weg von Hall bis Bregenz gab es mehrere „Salzfactoreien“, unter anderem in Immenstadt und Simmerberg. Der Betrieb dieser Stationen war durch strenge Vorschriften geregelt.

Gab es auch Konflikte?
Ja. Es handelte sich um ein lukratives Geschäft, an dem sowohl die Fuhrleute als auch die Obrigkeiten großes Interesse hatten. In der Einleitung zur Simmerberger Salzrodordnung von 1675 ist zu lesen, dass „zwischen den Salzfuhrleüten von Hall aus bis nach Reutte und von dort aus bei den österreichischen Rodstätten auf der oberen Straße zu Kleinnesselwang und am Simmerberg (die untere Salzstraße ging von Kempten aus in Hoheneggische) bis nach Bregenz bisher viele Mißverständnisse und Angelegenheiten unterloffen, was zu Gotteslästerungen und Schädigungen an Leib und Gemehn (Gespann), Schiff und Geschirr“ (=Gesamtheit der zur Ausübung eines Gewerbes erforderlichen Gerätschaften) geführt“ habe. Um solches künftig zu verhüten, wurde bei all diesen Salzrodstätten die Rodordnung erneuert.

Wurde Salz auch geschmuggelt?
Ja. 1672 ließ das Oberamt Bregenz „Salzfäßlein confiscieren und, bestmöglich versilbern‘“. Der Grund: Ein Bürger und Salzfactor aus Lindau hatte im Bunde mit einigen Untertanen der Herrschaft Bregenz und mit Beihilfe von Fuhrleuten und Fischern „mit verpotener Durchpracticierung etwelcher Salzväßl zimlich schweren Frävel veryebt“.

Wurde versucht, den Zoll zu umgehen?
Ja. Manche kamen bei Nacht, als die Zöllner nicht arbeiteten, und passierten ohne Zoll zu bezahlen die Kontrollstellen. Andere kamen zwar bei Tag, gaben aber an, den Zoll mangels Geld bei der Rückkehr zu bezahlen – was sie nicht taten, indem sie andere Wege nahmen.

Wann wurde Salz transportiert?
Laut Urkunden wurde das Salz zwischen Osern und November transportiert. Der Winter hatte zwar den Nachteil, dass die Strecken teils bei Schnee bewältigt werden mussten. Vorteilhaft war, dass zu dieser Zeit die Rösser der Bauern leichter verfügbar waren. Haupttransportzeit waren die Sommermonate.

Wie lange war das Salz unterwegs?
Auf der oberen Salzstraße von Hall in Tirol bis zum Bodensee dauerte es rund zehn Tage mit Tagesetappen von höchstens 30 Kilometern. Diese wurden von den an der Strecke lebenden Bauern absolviert, die für die „Rod“ in einer Liste eingetragen waren. Vier Alpenpässe waren zu überwinden: der Hochleitensattel bei Nassereith, der Fernpass, der Gaichtpass und das Oberjoch.

Wie wurden die Fuhrleute bezahlt?
Pro Etappe. 1691 gab es für den Transport von zwei Salzfässern auf der Strecke Simmerberg bis Lindau 1 Gulden, 36 Kreuzer. Laut dem Internet-Portal „Zeitspurensuche“ konnte man dafür bis zu 15 Kilogramm hochwertiges Brot oder 8 bis 12 Kilogramm Rind- oder Ochsenfleisch kaufen. Von dem Geld mussten allerdings auch Schreibgebühren, Waaggeld, Zollabgaben in der Salzfactorei sowie die Kosten für die Nächtigung, Verpflegung, Pferdefutter und Instandhaltung des Fuhrwerks beglichen werden.

Gab es auch Kinderarbeit?
Das war seinerzeit üblich. Am 29. November 1765 teilt der bregenzische Salzfactor Weiß mit, dass Salzfactor Joh. Georg Hagspiehl zu Simmerberg Unterlagen von seinen Kindern ausfertigen lasse. Deshalb unterliefen bei der Ansetzung der Nummern viele Unrichtigkeiten.

Welche Bedeutung hatte Lindau als Schlusspunkt der Haller Salzstraße beim Salzhandel?
Nachgewiesen sind 15 Stadel und andere Magazine. 1853 betrug der Umsatz an Salz pro Jahr 18000 Fässer. Das entspricht rund 4700 Tonnen. Die beiden großen Umschlagplätze für das Salz waren beim Bahnhof und auf dem Hallplatz. Im Vorhafen, dem Salzhafen, wurde die wertvolle Fracht verladen und über den Bodensee transportiert.
Lindau hatte über Jahrhunderte die größte Salzniederlassung am ganzen Bodensee.

In den Umbrüchen der napoleonischen Zeit wurde 1803 das Kurfürstlich-Bayerische Salzamt von Lindau nach Buchhorn, dem heutigen Friedrichshafen, verlegt. Damit hatte die Stadt Lindau ihre Sonderstellung als wichtigster Salzumschlagplatz am Bodensee verloren.

Info: Von Nachlässen bis hin zu mehr als 5000 heimatkundlichen und geschichtlichen Büchern und Zeitschriften: Das Heimatkundliche Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau in Weiler im Allgäu bewahrt Schätze der historischen und heimatkundlichen Forschung. Dazu gehören auch Kreis- und ortsgeschichtliche Sammlungen, Festschriften, Fotos, Ansichtskarten, historische und topografische Karten und Pläne, Zeitungsbände des Westallgäuers und Vorläufers ab 1854, Amts- und Regierungsblätter (ab 1803) sowie Gesetz- und Verordnungsblätter (ab 1818), Nachlässe verschiedener Heimatforscher und eine Kunstsicherungskartei mit fotografischen Bestandsaufnahmen und Beschreibung von Kircheninventaren.

Wer Interesse an Heimatgeschichte hat oder Möglichkeiten zum Recherchieren sucht, ist dort willkommen und kann per E-Mail (hdz@landkreis-lindau.de) einen Termin vereinbaren oder den kostenlosen Newsletter abonnieren. Damit informiert das Heimatkundliche Dokumentationszentrum über Interessantes und Neuerwerbungen.