Heimatkundliches Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau: Von Stiefmütterchen und sexueller Aufklärung
Lindau (Bodensee) - „Sonntags nach der Kirche gehen die Frauen regelmäßig ins Gasthaus zu einem Schoppen, ohne Ehemänner“, schreibt Hauptlehrer Schäffler. „Übrigens sind viele sexuell ziemlich aufgeklärt“, hält Pfarrer Eduard Gebele fest. Der erste Satz bezieht sich auf Bräuche in Hergensweiler im Jahr 1910, der zweite auf Unterreitnau zur selben Zeit. Mehr über frühere Zeiten und Bräuche kann man im Heimatkundlichen Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau erfahren – und vielleicht in Kommunalarchiven, wo noch Unterlagen schlummern könnten.
„Weihnachten hört man in Hergensweiler nachts um 12 Uhr das Vieh sprechen.“ Das zumindest hat Hauptlehrer Schäffler 1910 festgehalten, einen Nachweis dafür bleibt er allerdings schuldig. Und: „Die Wirte geben ihren Gästen alle Jahre nach Weihnachten das ,Singata‘ (Birnbrot, d. Red.), welches ursprünglich in der Verabreichung von Schnaps und von Birnbrot bestand. In neuerer Zeit geben die betreffenden Wirte anstatt des Birnbrotes und Brandweins Bier und Wein an die Gäste um einige Pfennige billiger. An Stefanstag ist das Singata in Wolfgangsberg, an Neujahrstag – Stockenweiler und am heiligen Dreikönigstag im Schneiderischen Gasthaus zu Hergensweiler.“ Viel Interessantes hat Hauptlehrer Schäffler vor 115 Jahren über das Leben in „seinem“ Dorf dokumentiert – damals zählte Hergensweiler 737 Einwohner, heute sind es 1893 (Stand 31. Dezember 2024). Auch Bräuche wie „Am Donnerstag suchen sich die Kinder an den Nasen zu ziehen, am Freitag schwärzen sie sich mit Kohle, am Sonntag (?) beschmieren sich einige mit Schmalz“ hält der Hauptlehrer fest. Und: Zu Bett geht man in Hergensweiler um 8 ½ Uhr abends, die Stallzeit ist sowohl morgens als auch abends um 5 Uhr. Die am Himmelfahrtstag geweihten Kräuter bekommt das Vieh.
Hintergrund für die Antworten: Der Verein für Volkskunst und Volkskunde in München veröffentlicht 1908 im Novemberheft seiner Zeitschrift „Volkskunst und Volkskunde“ einen Katalog mit rund 400 Fragen zum Brauchtum mit dem Ziel, möglichst viele der seinerzeit insgesamt 8000 Gemeinden in Bayern zu erreichen – inklusive der Rheinpfalz, die damals zu Bayern gehörte. Zudem werden die Fragebögen an die damals 163 bayerischen Bezirksämter verschickt. Diese reichen die Bögen an die einzelnen Orte weiter, wo sie hauptsächlich von Lehrern, Bürgermeistern und Geistlichen bearbeitet werden.
137 Bezirksämter antworten. In Schwaben beteiligen sich alle 19 Bezirksämter an der Aktion – von 107 schwäbischen Orten liegen Antworten vor, die auch seinerzeit ausgewertet und in einer Kartei dokumentiert werden. Aus dem heutigen Landkreis Lindau sind dies Hergensweiler, Reutin und Unterreitnau.
Über Hergensweiler heißt es unter der Rubrik „Geschichtliche Sage“ weiter: „Wohnhäuser sind meistenteils aus Holz gebaut und an der Außenseite geschindelt, Wohnungen und Stallungen sehr reinlich.“ Oder: „Im Degermoos, ¾ Stunde nordöstlich von Hergensweiler soll einst ein Dorf versunken sein. Zur mitternächtlichen Stunde hört man dort Glockengeläute.“ Und: „Im 30-jährigen Krieg sollen bei Rupolz Schweden überfallen worden sein. Die getöteten Pferde der Feinde wurden in einem Ackerfelde von den Bauern verscharrt. Das betreffende Grundstück heißt heute noch ‚der Roßhimmel‘.“
Für den Lindauer Ortsteil Reutin dokumentiert Pfarrer Karl Paul Friedrich Julius Knoell unter anderem die Zahlung von „Bruckageld“ an der Lindauer Landtorbrücke und ausführlich den Mäusefang (gemeint sind wohl Wühlmäuse, d. Red.): Der Mäusefänger („in seiner Art ein Künstler“) suche mit dem „Mausestecka“, einer vorn spitzigen Stange, ob er einen Mausgang finde. Habe er ihn gefunden, öffne er den Gang und stelle eine Falle – ein zweiteiliges, eisernes Instrument – hinein. Die geöffnete Falle bestreiche er mit einem „teuren (!)“ Präparat, das Mäuse anlocke – worum es sich genau handle, sei das Geheimnis des Mäusefängers. Dann bedecke er die Falle wieder mit Erde und sichere sie mit einem Stöckchen, damit die Maus sie nicht mitnehmen könne. Nach einer Viertelstunde entnehme er der Falle die Maus, wenn sie denn eine enthalte. „Für jede Maus bekommt er 15 Pfennige, außerdem das Essen“, schreibt der Pfarrer. „Er kann bis an die 20 Mäuse an einem Tag fangen, einige brachten es auf 40 Mäuse und einen Tagesverdienst von 6 Mark.“ Weiterhin ausführlich im Dialekt beschrieben: beispielsweise das Mosten oder die Arbeit auf der Streuwiese. Und: Die Pflanzen, die es in den Gärten gab – beispielsweise Stiefmütterchen. Auf die Frage, woher es komme, dass das Gemüse nicht recht groß werde, antwortet er: „Sie hätte mea (mehr, d. Red.) bschütta (beschütten) solla, das heißt, mea Lache (Jauche) anetoa.“
In Unterreitnau vertraut man auf die Hilfe von St. Agatha: An deren Namenstag wird schwarzes Brot geweiht „und durch ein Jahr aufbewahrt zum Schutze gegen Feuersgefahr. Entsteht ein Brand, dann wird das Brot in die Brandstätte geworfen, dann erlischt das Feuer“. Auch der „ober-“ (auf-, d. Red.) und der untergehende Mond spielen eine Rolle: „Gewächse, die nach oben wachsen, müssen beim oberge(he)ndem Monde gesät werden (z.B. Salat) und umgekehrt.“
Wissenschaftler haben sich in späteren Jahren erneut mit den Fragebögen beschäftigt. 1986/87 ist die Rede von 739 Belegorten, die Fragebögen ausgefüllt haben, im Folgejahr kommen 27 Orte hinzu, 1990 ein weiterer. Insgesamt wird von einer Gesamtzahl von etwa 800 Berichten ausgegangen. „Diese Berichte sind zum Teil im Original vorhanden und zum Teil aber nur über die Kartei zu ermitteln“, schreibt Gerhard Willi 1999 in dem Buch „Alltag und Brauch in Bayerisch-Schwaben – Die schwäbischen Antworten auf die Umfrage des Bayerischen Vereins für Volkskunst und Volkskunde in München von 1908/09“, in dem er die Unterlagen aufgearbeitet hat.
Gerhard Willi geht davon aus, dass „eine genaue Durchsicht der Zettelkartei weitere Belegorte ans Tageslicht fördern“ dürfte. „Der große Umfang von etwa 24000 Blatt macht dies sehr mühevoll, aber auch lohnend.“ Eine andere Möglichkeit, weitere Antwortbögen zu finden, so der Autor, könnten die „zahlreichen“ Kopien sein, die von den Berichten angefertigt worden seien, bevor sie ins Bezirksamt weitergeschickt wurden.
Gerhard Willi: „Diese Kopien könnten sich heute noch zum Beispiel in Kommunalarchiven befinden, ohne dass dort der nähere Zusammenhang erkannt würde.“ Es gibt also noch Hoffnung für andere Orte im Landkreis Lindau.
Info: Von Nachlässen bis hin zu mehr als 5000 heimatkundlichen und geschichtlichen Büchern und Zeitschriften: Das Heimatkundliche Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau in Weiler im Allgäu bewahrt Schätze der historischen und heimatkundlichen Forschung. Dazu gehören auch Kreis- und ortsgeschichtliche Sammlungen, Festschriften, Fotos, Ansichtskarten, historische und topografische Karten und Pläne, Zeitungsbände des Westallgäuers und Vorläufers ab 1854, Amts- und Regierungsblätter (ab 1803) sowie Gesetz- und Verordnungsblätter (ab 1818), Nachlässe verschiedener Heimatforscher und eine Kunstsicherungskartei mit fotografischen Bestandsaufnahmen und Beschreibung von Kircheninventaren.
Wer Interesse an Heimatgeschichte hat oder Möglichkeiten zum Recherchieren sucht, ist dort willkommen und kann per E-Mail (hdz@landkreis-lindau.de) einen Termin vereinbaren oder den kostenlosen Newsletter abonnieren. Damit informiert das Heimatkundliche Dokumentationszentrum künftig über Interessantes und Neuerwerbungen.