Von Rittern, Prinzessinnen und ihren Burgen
Lindau (Bodensee) – Viele von ihnen gibt es nicht mehr. Doch Georg King gibt ihnen jetzt eine Stimme: Der Heimatpfleger aus Stiefenhofen lädt gemeinsam mit dem Verein „Historisches Stiefenhofen“ zur Ausstellung „Entdeckungsreise zu 25 Burgen im Westallgäu – Ritterträume und Ruinen … wo Ritter Selfies machen würden“ ein. Unterstützt hat ihn bei der Recherche das Heimatkundliche Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau.
Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Wenn Georg King von den Burgen im Westallgäu erzählt, ist er kaum zu bremsen. Wen wundert’s, handelt es sich doch um ein Thema, das ihn seit der vierten Grundschulklasse umtreibt: Damals war Georg King und den anderen Schülerinnen und Schülern in Heimatkunde mit Hilfe einer großen Landkarte die Burgenlandschaft im Landkreis Lindau nähergebracht worden. „Jeder ist doch ein bissle ein Burgenromantiker“, meint Georg King und zeigt auf genau diese Karte, die er an den Anfang seiner Ausstellung gestellt hat. Darauf sind 29 Burgen mit Zettelchen vermerkt, in der Ausstellung im 1. Obergeschoss des Küferhauses in der Schulstraße 6 in Stiefenhofen gibt’s zu 25 von ihnen Jahreszahlen mit weiteren Fakten wie Fotos und historischen Darstellungen. Doch das allein genügt Georg King nicht: Ihm liegen auch die Geschichten dazu am Herzen. Deshalb hat er sich auf die Suche gemacht und ist fündig geworden. „Das ist dann wie an Weihnachten“, sagt er strahlend.
Innerhalb von drei Monaten ist eine sehr sehenswerte Ausstellung entstanden. Wobei: Material zum Thema hat Georg King schon seit langem in zwei mittlerweile prall gefüllten Aktenordnern fein säuberlich nach den knapp 30 Burgen sortiert gesammelt. Zudem hat er rund 50 Sachbücher einbezogen – und alles für Ausstellungsbesucherinnen und ‑besucher zusammengestellt.
Beispiele gefällig? Als „geradezu sensationell“ bezeichnet es der Heimatpfleger, dass der letzte Ritter von Ellhofen (+ 1446) mit Anna von Freiberg oder auch Freyberg zu Eisenberg eine Ehefrau hatte. „Als ihr Gemahl Rudolf von Ellhofen in der Schlacht von Ragaz fiel, wurde sie jung zur Witwe“, berichtet Georg King. „Doch Anna ließ sich nicht unterkriegen. Sie heiratete erneut – wohl um das Jahr 1449 den Ritter Kaspar von Laubenberg – und brachte sieben weitere Kinder zur Welt.“ Das Paar stiftete gleich zwei Kapellen mit nahezu identischen Altären, auf denen die Familie Laubenberg als Stifterfamilie dargestellt ist: die Marienkapelle in der Pfarrkirche St. Mauritius in Stein bei Immenstadt. Unter ihr befindet sich die Gruft der Familie von Laubenberg. Die zweite Kapelle ließen sie auf der Burg Laubenbergerstein errichten.
Der Heimatforscher hat im Kunstmuseum von North Carolina (NCMA) in Raleigh in den Vereinigten Staaten ein Bild von Anna von Freiberg zu Eisenberg entdeckt – auf einem von zwei spätmittelalterlichen Altarflügeln, Teile eines ursprünglich für die Marienkapelle der Pfarrkirche St. Mauritius in Stein b. Immenstadt gestifteten Altars, gemeinsam mit ihren vier Töchtern. Doch wie kamen die Altarflügel, die aus der Allgäuer Kirche eventuell im Zug einer Renovierung entfernt wurden, nach North Carolina? Offenbar durch den Kunsthandel und die Sammelleidenschaft von Wilhelm Reinhold Valentiner (*1880 in Karlsruhe, +1958 in New York), deutsch-amerikanischer Museumsdirektor und Kunsthistoriker. Er soll in den 1950er-Jahren eine Schlüsselrolle gespielt haben, indem er Werke der deutschen Gotik sammelte und sie für das NCMA, wo er als Gründungsdirektor fungierte, sicherte. Valentiner hatte an der Universität in Heidelberg Kunstgeschichte studiert, arbeitete später am Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin und auch am Metropolitan Museum of Art in New York. 1935 wurde Valentiner US-amerikanischer Staatsbürger, schon zuvor hatte er amerikanische Museen beim Kunstkauf beraten.
Georg King erzählt solche Geschichten mit viel Begeisterung. Wichtig ist ihm, dass sie auf historischen Tatsachen fußen. So korrigiert er auch Fehler, die im Zusammenhang mit den rund 700 von Heimatforscher Dr. Otto Merkt, von 1919 bis 1942 Kemptener Bürgermeister, erfassten Burgstellen im Allgäu einher gehen. In einem Dokument war von geschlissenen Burggräben die Rede. Ein Lesefehler der alten Sütterlin-Schrift, wie Georg King sagt: gemeint waren geschliffene, also entfernte oder von der Natur abgerundete Gräben.
Ein Schicksal, das viele Burgen getroffen hat – etliche von ihnen sind komplett verschwunden. Georg King hat aber unter anderem mithilfe des Bayernatlas ihre Standorte nachgewiesen. Er unterscheidet zwei hauptsächliche Bauphasen – die erste vom 11. bis Anfang des 12. Jahrhunderts, in der die meisten Burgen aus Holz errichtet wurden. Die zweite verortet er im 12. und 13. Jahrhundert. Diese Burgen wurden mit Steinen gebaut. Nicht irgendwo, wie manche meinen könnten. Bevorzugte Bauplätze waren Höhenlagen. „Sichtkontakt war im Mittelalter ein zentrales Mittel der Kommunikation, Warnung und Kontrolle“, erklärt Georg King. Das Spektrum reiche von größeren Anlagen bis hin zu kleinen oder kaum noch erkennbaren Befestigungen. Jede Anlage sei dabei Teil einer kleineren oder größeren Grundherrschaft gewesen – etwa des Klosters St. Gallen, des Klosters Mehrerau oder adeliger Familien wie der Montfort in Bregenz.
Im 19. und 20. Jahrhundert endeten zahlreiche Anlagen als Steinbruch oder wurden zu Kiesgruben umfunktioniert. Georg King ist es ein Anliegen, ihre Geschichten zu erzählen. „Damit sie nicht für immer verschwinden.“
Info: Die Ausstellung ist bis Jahresende geöffnet. Die nächsten Termine: im Januar und Februar kann die Ausstellung jeweils am Samstag und Sonntag zwischen 13 und 15 Uhr besichtigt werden. Gruppen können unter Telefon 08383/7543 eine Führung vereinbaren.
Info: Von Nachlässen bis hin zu mehr als 5000 heimatkundlichen und geschichtlichen Büchern und Zeitschriften: Das Heimatkundliche Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau in Weiler im Allgäu bewahrt Schätze der historischen und heimatkundlichen Forschung. Dazu gehören auch Kreis- und ortsgeschichtliche Sammlungen, Festschriften, Fotos, Ansichtskarten, historische und topografische Karten und Pläne, Zeitungsbände des Westallgäuers und Vorläufers ab 1854, Amts- und Regierungsblätter (ab 1803) sowie Gesetz- und Verordnungsblätter (ab 1818), Nachlässe verschiedener Heimatforscher und eine Kunstsicherungskartei mit fotografischen Bestandsaufnahmen und Beschreibung von Kircheninventaren.
Wer Interesse an Heimatgeschichte hat oder Möglichkeiten zum Recherchieren sucht, ist dort willkommen und kann per E-Mail (hdz@landkreis-lindau.de) einen Termin vereinbaren oder den kostenlosen Newsletter abonnieren. Damit informiert das Heimatkundliche Dokumentationszentrum künftig über Interessantes und Neuerwerbungen.
