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10.12.2020

»Draußen umgeschaut« für Dezember/Januar 2020/2021

Der Landschaftspflegeverband Lindau-Westallgäu e. V. stellt unter dem Motto „Draußen umgeschaut“ alle zwei Monate eine Tier- oder Pflanzenart in der lokalen Presse und auf den Internetseiten des LPV beim Landkreis Lindau (Bodensee) vor.

Die Dreikant- und die Quaggamuschel

Dieses Mal möchten wir zwei sehr ähnliche, aber gebietsfremde Muschelarten aus der Familie der Wandermuscheln (Dreissenidae) vorstellen. Mitte der 1960er Jahre wurde die Dreikant- oder auch Zebramuschel (Dreissena polymorpha) erstmals im Bodensee nachgewiesen. Erst im Jahr 2016 wurde eine weitere Art der Familie der Wandermuscheln, die Quaggamuschel (Dreissena rostriformis) hier entdeckt. Beide Arten stammen ursprünglich aus dem Schwarzmeergebiet. Vermutlich wurden sie in das europäische Gewässernetz mit dem Balastwasser von Schiffen verbreitet.

Man kann diese Muschelarten, die bis zu 4 cm lang werden, jetzt im Winter bei klarem Wasser im Bodensee auf mehr oder minder dicht besiedelten Substraten, gut entdecken. Dreissena-Arten besitzen, wie viele andere Muscheln, eine Byssusdrüse, mit der sie sich auf festem Untergrund, wie Felsen, Steine, Äste und Stämme, aber auch Bootsrümpfe, Stege, Ufermauern und Ansaugleitungen, anhaften können. Die Quaggamuschel kann auch weiche Substrate, ohne sich festzusetzen, besiedeln. Man geht von einer Lebenserwartung bis 10 Jahre bei beiden Arten aus. 

Unterscheiden lassen sich die beiden Arten aber nicht so einfach: Die Dreikantmuschel hat eine dreieckige Schalenform, die i. d. R. ein Zebramuster aufweist. Die Quaggamuschel, die ihren Namen vom ausgestorbenen Steppenzebra, dem Quagga, bekommen hat, ist etwas runder geformt. Ihr fehlen die Kanten der Dreikantmuschel. Sie ist meist sehr variabel, von weiß bis fast schwarz und mit verwaschener Zeichnung, gefärbt. Worin sie sich die beiden Arten noch unterscheiden, ist ihr Auftreten in der Wassertiefe: Dreikantmuscheln treten bis in Tiefen bis maximal 40 m auf, Quaggamuscheln schaffen bis in über 100 m Tiefe.

Für überwinternde Wasservogelarten wie Tafelente, Reiherente und Blässhuhn ist die Dreikantmuschel seit ihrer Etablierung im Bodensee ein wichtiger Nahrungsbestandteil geworden. Diese neue Nahrungsquelle führte dazu, dass zeitweise die Zahlen von überwinternden Tauchenten und Blässhühner bis auf das Vierfache anstieg. Die Muscheln können von ihnen bis in eine Tiefe von 7 Metern abgeweidet werden.

Die wohl anspruchslosere Quaggamuschel hat es nun innerhalb von wenigen Jahren geschafft, fast das gesamte Bodenseeufer zu besiedeln. Sie hat die seit den 1960er Jahren etablierte Schwesterart in den meisten Uferbereichen weitgehend verdrängt. Die im Jahr 2016 erstmals im Bodensee nachgewiesene Quaggamuschel wird als hoch invasive Art eingestuft, die den gesamten See bis zum Grund verändern kann.

Quellen/Literatur:

Hutter, G. & Walser, L. 2020: Quaggamuschel im Vormarsch, Zeitschrift Vorarlberger Fischerei Mai & Juni 2020 S. 14-15
Basen, T. 2016: Neue invasive Muschelart im Bodensee entdeckt, Aquakultur und Fischereiinformation Aus unserer Fischereiverwaltung 2/2016, S. 32-34
Werner, S., H.-G. Bauer, G. Heine, H. Jacoby & H.Stark (2018): 55 Jahre Wasservogelzählung am Bodensee: Bestandsentwicklung der Wasservögel von 1961/62 bis 2015/16 Ornithol. Beob. Beiheft 13.
Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Institut für Seenforschung (2004): Einfluss überwinternder Wasservögel auf Chara-Arten und Dreissena polymorpha am westlichen Bodensee, 73 Seiten
Bundesamt für Naturschutz, Neobiota: www.neobiota.info
Aquatische Neozoen im Bodensee: www.neozoen-bodensee.de 

 

Text: Holger Bayer/Michaela Berghofer, Durchsicht: Anne Puchta, Foto: Michaela Berghofer