Und den Menschen Frieden auf Erden
Lindau (Bodensee) - Ihr Vermächtnis ist unsagbar schön und legt Zeugnis von ihrem innigen Glauben ab: Die Künstlerin Maria Heim aus Maierhöfen und ihre Schwester Senz haben ganz besondere Weihnachtskrippen geschaffen. Das Heimatkundliche Dokumentationszentrum ist ihren Spuren gefolgt.
„Die Krippenfiguren von Maria Heim stehen in einer großen Tradition von historischen Kirchenkrippen seit dem 18. Jahrhundert, zeigen aber ihre eigene Handschrift. Sie sind lebendig und liebevoll gestaltet, auf ihre spezielle Weise ansprechende kleine Kunstwerke.“ Dr. Michael Schmid, Konservator der Diözese Augsburg
Es kommt aus einer anderen Welt und überstrahlt alles. Auf dem Kopf trägt es eine goldene Krone, sein langes braunes Haar ist gescheitelt und nach hinten gekämmt. Seine Wangen sind gerötet. Sein Blick ist verheißungsvoll, sein Körper filigran. Sein weißes langes Gewand ist mit Goldborten verziert. Seine schmale Taille betont ein goldfarbenes Band. „Gloria in excelsis Deo“ lautet der Schriftzug, den das himmlische Wesen trägt, das schon fast mystisch wirkt, „Ehre sei Gott in der Höhe“. Frieden will der Engel auf Erden bringen, die Botschaft von Weihnachten: Es gibt keine größere Kraft als die Liebe.
Der Engel. Eines der Geschöpfe von Maria Heim, auf einem Bauernhof in Maierhöfen am 23. Juli 1890 geboren – wie auch ihre Schwester Senz, geboren am 13. April 1889. Auf einem Foto aus den 1950er-Jahren blickt Maria Heim ernst in die Kamera. Ihr Gesicht ist feingliedrig, die Haare hat sie nach hinten zu einem Dutt zusammengebunden. Sie sitzt an einem Tisch, trägt eine Schürze – der Fotograf hat sie und ihre Schwester, die im Hintergrund steht und eher resolut wirkt, bei der Arbeit fotografiert. Maria Heim hält eine ihrer Figuren in der Hand, die sie offenbar gerade modelliert. Deren Gesicht bleibt ihr zugewandt. Die Künstlerin wirkt in sich gekehrt, fast so, als lasse sie das Fotografieren geradezu notgedrungen über sich ergehen. Maria Heim hat anderes zu tun, als Modell zu stehen. Die Figuren, ihre „Kinder“, warten, wollen fertiggestellt, in die Welt hinausgeschickt werden. Es gibt so viele, denen sie nicht nur Leben einhauchen will – jede spielt eine bestimmte Rolle in der Weihnachtskrippe, hat ihren Anteil am Überbringen der für sie so wichtigen Weihnachtsbotschaft – Maria Heim ist tief religiös.
Die Familie ist als sehr begabt bekannt. Maria Heim hat ihr Talent offenbar in die Wiege gelegt bekommen. Es heißt, dass schon der Religionslehrer ihre Begabung erkannt habe. Immer wieder soll er ihr Bienenwachsklumpen gegeben haben mit der Bitte: „Mach‘ mir ein Jesuskindle.“ Mit dem 19. Lebensjahr beginnt Maria Heim, mit ganz viel Geduld und Feinsinnigkeit Krippenfiguren zu gestalten. Still beobachtet sie Menschen in ihrer Umgebung, ihr Gedächtnis muss fotografisch sein. Und: Sie hat ein Gespür für Kompositionen, wie es Bildhauern eigen ist. Die Maierhöfenerin arbeitet mit einfachen Materialien. Entsprechend der Form und Größe ihrer Figur, die sie schon fertig im Kopf haben muss, bevor sie beginnt, biegt sie Drähte für ein Gestell zurecht. Darauf knetet die Künstlerin am Ofen und in ihrer Hand weich gewordenes Bienenwachs, das sie von ihrem Bruder, dem weit über die Region hinaus bekannten Kunstmaler Franz Heim, bekommen haben könnte – er hat auf einen Bauernhof an der Argentobelbrücke in Maierhöfen eingeheiratet, hält dort Bienen. Maria Heim formt Arme, Hände und Beine. Nicht das kleinste Detail vergisst sie: Fingernägel oder etwa auch ein Fingerring dürfen nicht fehlen – wie auch die Puppe, die das kleine Mädchen mit sich trägt. Sie achtet darauf, sich nicht in die Haare zu greifen – das Haarfett könnte ihre Arbeit mit dem Bienenwachs erschweren. Auch den Kopf ihrer Figuren gestaltet Maria Heim aus Bienenwachs. Vom kleinen Jesuskind bis zum Greis entstehen ganz unterschiedliche Charaktere. Sie tragen feine Gesichtszüge, manche wirken auch derb. Das einzige Werkszeug der Künstlerin: ein altes Küchenmesser.
Bekleidet werden die Figuren mit von den beiden Frauen genähten Kleidern, die durch heißen Leim gezogen werden. Bevor dieser erkaltet und damit starr wird, verleiht Maria Heim den Kleidern und Accessoires die richtige Form. Der Faltenwurf, für Schnitzerinnen und Schnitzer eines der schwierigsten Elemente, gelingt ihr perfekt. Nach dem Trocknen geht es an die Arbeit mit Pinsel und Palette. Sichtbare Körperteile wie Kopf, Gesicht und Hände werden mit winzigen Strichen bemalt – und so lebendig.
Figur um Figur entsteht so: Maria, die voller Andacht vor dem Jesuskind kniet. Die Hände hält sie vor ihrer Brust gefaltet, ihren Kopf beugt sie zum Jesuskind. Sie hat ihr Haar um ihren Kopf geflochten, trägt ein blaues Kleid mit weißem Kragen. Für sie zählt nur das Kind – man könnte meinen, dass sie gar nicht bemerkt hat, dass ihr roter Mantel von der Schulter gerutscht ist. Das Kind, das sie anbetet, liegt in der Krippe, schaut mit offenem Blick, ist in Windeln gewickelt. Die rechte Hand streckt es dem Betrachter entgegen, die linke Hand hat es auf die Brust gelegt. Josef beschützt seine Familie. Der Mann mit dem Vollbart und dem braunen Haar trägt einen braunen Umhang, unter dem ein blauer Pullover und eine blaue Hose hervorlugen. Zur Krippe gehören Hirten, die auf die Knie gefallen sind, sich voller Verwunderung an den Kopf fassen, nicht glauben können, was gerade passiert ist: die Geburt Christi, des Heilbringers. Das kleine Mädchen kommt mit seinem Schaf zur Krippe – wie auch der Hirtenjunge. Und natürlich die Heiligen Drei Könige, die prachtvoll gekleidet sind, Geschenke mitbringen und das Jesuskind anbeten.
Mit ihren Geschöpfen dokumentiert Maria Heim auch ein Stück Zeitgeschichte: Während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg kommen Soldaten aus Marokko zu Maria und Senz Heim, lassen von den beiden für ihre Frauen zu Hause Kleider nähen. Kurz darauf finden sich marokkanische Soldaten in ihren Krippen wieder, ganz nach dem Motto: Vor dem Kind sind alle gleich. Es heißt, die Maierhöfer hätten damals gesagt: „Ganz genauso wie in der Krippe sehen die Marokkaner aus.“
Zeitzeugen berichten, dass die beiden Frauen in einem Häuschen mit kleinem Garten an der Hauptstraße in Maierhöfen sehr einfach gelebt haben – es gab dort kein warmes Wasser. Senz, eine Näherin, hatte eine Putzstelle in der Volksschule in Maierhöfen, Maria war an dieser Schule Handarbeitslehrerin. Beide waren ledig, beide sind in Isny gestorben: Maria Heim stirbt am 13. August 1967, ihre Schwester am 7. Juni 1982.
Hunderte von Figuren hat Maria Heim geschaffen – die Geburt Christi, die Heiligen Drei Könige, den Kindermord, der heute meist auf Grund der Brutalität der Szene nicht mehr gezeigt wird, oder auch die Flucht nach Ägypten. In manchen Krippen gibt es gar zwei Marias und zwei Jesuskinder: Einmal kniet Maria vor dem Kind in der Krippe, bei der Anbetung der Heiligen Drei Könige hält sie mit der linken Hand das schon stehende Kind auf ihrem Schoss. Von den Heiligen Drei Königen gibt es bisweilen sechs: Die Anreise aus dem Morgenland unternehmen sie auf Kamel, Elefant und Pferd sitzend, für die Anbetung sind sie von ihren großen Tieren im wahrsten Sinn des Wortes herabgestiegen, knien vor dem Kind.
Manche Figuren sind noch heute im Privatbesitz, manche gehören Kirchengemeinden. Wie viele es noch gibt, ist unbekannt. Es gibt Menschen, die extra der Heim’schen Krippen wegen in die Kirchen gehen. „Ich liebe die Ruhe, die diese Figuren ausstrahlen“, sagt Roswitha Kögel, deren Opa Franz Heim, der Bruder der beiden Schwestern war. „Sie konzentrieren sich aufs Wesentliche – auf die Weihnachtsbotschaft. Sie wird die Herzen der Menschen immer berühren.“
„Die Figuren von Maria Heim haben ihren ganz persönlichen Charme, da diese von der Künstlerin sehr liebe- und kunstvoll gefertigt wurden. Es ist auch sehr erfreulich, dass diese Figuren noch ihrer Bestimmung nachkommen dürfen und in (kirchlichen) Weihnachtskrippen ihren Platz finden.“ Isabella Mayr, Wachsbildnerin und Restauratorin
Die Weihnachtskrippe
Die Geschichte der Krippenfiguren aus Bienenwachs soll bis ins frühe Christentum zurückreichen. Franz von Assisi wird als derjenige überliefert, der 1223 nach der Rückkehr von einer Palästinareise in einem Wäldchen beim italienischen Greccio eine Krippe mit lebenden Personen und Tieren gestaltet hat. Die Szenerie soll für die Krippenbewegung ein großer Impuls gewesen sein.
Die weltweit älteste Krippendarstellung befindet sich in der Sixtinischen Kapelle in Rom in einem Seitenschiff der Santa Maria Maggiore und stammt aus dem Jahr 1291. Die Anbetung der Heiligen Drei Könige als bewegliche Alabasterfiguren wurde von Bildhauer Arnolfo di Cambio geschaffen.
Ein weiterer Impuls für die Krippenbewegung ging von den Jesuiten aus. Sie schufen 1562 in Prag eine Krippe aus Bienenwachs. Es war damals sehr teuer, galt in den Kirchen des Mittelalters als marianisches Symbol, weil man damals glaubte, dass sich die Biene ungeschlechtlich fortpflanze. Mit den Jesuiten soll sich die Weihnachtskrippe ab dem 16. Jahrhundert in ganz Europa verbreitet haben. Allerdings waren die Figuren nicht mehr unbedingt aus Wachs, sondern auch aus Holz oder Papier.
Schwer hatte es die Weihnachtskrippe allerdings im Zeitalter der Aufklärung. In seinem „Reinigungsdekret“ vom 14. Mai 1792 verordnete der Habsburger Kaiser Joseph II. dass „aller übermäßige, dem Geist der Kirche ohnehin nicht angemessene Aufputz, Prunk und Beleuchtung“ abzuschaffen sei. Die Säkularisierung verstärkte dies: Graf Montgelas, eifriger bayerischer Reformer, verhängte über das neue gegründete Königreich Bayern zwischen 1801 und 1804 ein Verbot von „geistlosen“ und „zweckwidrigen Zeremonien“, nachzulesen in einem Dekret der Kurpfalzbairischen Landesdirektion in Schwaben. Auch Krippen waren verboten, hielten aber nach und nach Einzug in Privathaushalten. Erst unter dem vom Geist der Romantik geprägten ersten Ludwig wurde das Verbot wieder aufgehoben.
Heute gibt es nur noch wenige historische Wachskrippen. Im Bestand des Krippenmuseums in Dornbirn, das derzeit 110 Krippen ausgestellt hat, ist keine einzige. Bewundern kann man dagegen eine wächserne Barockkrippe im Schloss ob Ellwangen/Jagst.
Auch im Kloster Kellenried bei Ravensburg gibt es eine Wachskrippe aus dem 17./18. Jahrhundert. Sie stammt aus dem Salzburger Raum. Eine der Gründungsschwestern hat die Krippe nach Kellenried mitgebracht.
Noch heute werden in der Kellenrieder Krippenwerkstatt Wachs-Krippenfiguren von Hand hergestellt. Dafür werden die Köpfe und Hände in Formen gegossen. „Je kleiner eine Form ist, desto heißer muss das Wachs sein“, erklärt Karin Rosenträger, die seit mittlerweile elf Jahren in der Krippenwerkstatt arbeitet. Nachdem die Köpfe für die großen Figuren aus der Form genommen sind, wird in die leere Augenhöhle zunächst weißes Wachs getropft, dann für die Pupille dunkles. Eine Aufgabe, für die man eine ruhige Hand braucht. Allerdings wird beim Wachsgießen nicht mehr Bienenwachs eingesetzt – es ist zu teuer und mittlerweile auch nicht mehr einfach zu kaufen. Die Wachsköpfe und -hände für die 20 oder 35 Zentimeter großen Figuren werden auf bewegliche Gestelle montiert. Birgit Braun bekleidet sie individuell – sie ist für die Kleider und Stoffe zuständig. Beide Frauen führen die Tradition der Klosterschwestern fort – die letzte, die noch im Atelier gearbeitet hat, ist vor Jahren gestorben. Krippen aus Kellenried sind in ganz Deutschland, aber auch in Österreich und beispielsweise in der Schweiz gefragt.
Nur wenig bekannt ist heute noch die so genannte „Armeleutekrippe“. Sie wurde nicht aus Bienenwachs, sondern aus Salzteig, der in ein Holzmodel gedrückt wurde, gefertigt und war damit auch für ärmere Leute erschwinglich.
Das Heimatkundliche Dokumentationszentrum des Landkreises Lindau in Weiler im Allgäu bewahrt Schätze der historischen und heimatkundlichen Forschung. Dazu gehören auch Kreis- und ortsgeschichtliche Sammlungen, Festschriften, Fotos, Ansichtskarten, historische und topografische Karten und Pläne, Zeitungsbände des Westallgäuers und Vorläufers ab 1854, Amts- und Regierungsblätter (ab 1803) sowie Gesetz- und Verordnungsblätter (ab 1818), Nachlässe verschiedener Heimatforscher und eine Kunstsicherungskartei mit fotografischen Bestandsaufnahmen und Beschreibung von Kircheninventaren.
Wer Interesse an Heimatgeschichte hat oder Möglichkeiten zum Recherchieren sucht, ist dort willkommen und kann per E-Mail (hdz@landkreis-lindau.den) einen Termin vereinbaren oder den neuen, kostenlosen Newsletter abonnieren. Damit informiert das Heimatkundliche Dokumentationszentrum künftig über Interessantes und Neuerwerbungen.
